Der Kampf gegen den Klimawandel braucht Ehrgeiz
Meiner Meinung nach ist Ehrgeiz der wichtigste Grund dafür, dass die Republik China (Taiwan) die Covid-Pandemie so erfolgreich bewältigt hat. Obwohl es mehrere Ausbrüche gab, war das Ziel stets eindeutig: zurück zu null Fällen und das Virus von der Insel verdrängen. Leider fehlt dieser Ehrgeiz in der Energie- und Klimapolitik.
Am 18. Dezember wird die Bevölkerung Taiwans darüber abstimmen, ob das vierte Kernkraftwerk der Insel in Betrieb genommen werden soll. Das Referendum, das von zivilgesellschaftlichen Gruppen für die Kernenergie organisiert wird, stellt die Regierung vor eine Herausforderung: Sie will bis 2025 alle Kernkraftwerke abschalten.
Die Regierung hat sich offiziell dazu verpflichtet, bis 2050 netto keine Treibhausgase mehr auszustoßen. Der erste und wohl einfachste Schritt auf diesem Weg wäre die Dekarbonisierung der Stromerzeugung – etwas, das 16 Länder bereits erreicht haben†. Leider stammten 2020 in der Republik China 84 % des Stroms aus fossilen Brennstoffen, deutlich mehr als im weltweiten Durchschnitt von 61 %. Tatsächlich entwickelt sich Taiwan seit Jahrzehnten in die falsche Richtung. 1985 war die Republik China mit einem Anteil von 62 % kohlenstoffarmem Strom noch ein Vorbild für die Welt.

Die Regierung hat durchaus einen Plan. Bis 2025 will sie den Anteil von Windkraft, Solarstrom und weiteren kohlenstoffarmen Quellen außerhalb der Kernenergie an der Stromerzeugung auf 20 % steigern; im vergangenen Jahr waren es 5 %. Zugleich soll der Anteil von fossilem Erdgas auf 50 % steigen; im vergangenen Jahr lag er bei 36 %. Ohne Kernenergie würde der kohlenstoffarme Anteil am Strommix damit weiterhin lediglich 20 % betragen – genauso viel wie 2014. Der fehlende Ehrgeiz ist frappierend.
Anfang dieses Monats hatte ich Gelegenheit, Huang Shih-hsiu (黃士修), die führende Persönlichkeit der taiwanischen Bewegung für Kernenergie, zu interviewen. Seiner Aussage nach bewegen vor allem Sorgen über Stromausfälle, steigende Strompreise und Luftverschmutzung die Menschen dazu, sich am Referendum zu beteiligen:
Der Klimawandel ist in Taiwan ein etwas schwieriges Thema. Menschen wie wir, die sich mit Klima, Umwelt und Energie beschäftigen, machen sich natürlich Sorgen über den Klimawandel. Doch nach unseren Erfahrungen der vergangenen Jahre bewegt das Thema die Gesellschaft insgesamt nicht besonders stark. Die meisten Menschen beschäftigen vor allem Dinge, die ihr Leben unmittelbar betreffen: die Stromkosten, eine zuverlässige Stromversorgung und die Luftverschmutzung.
Huang Shih-hsiu (黃士修)
Daten von Google Trends bestätigen diese Einschätzung: Die Menschen in Taiwan beschäftigen sich deutlich stärker mit anderen Fragen rund um die Stromversorgung, insbesondere mit Stromausfällen (停電 / blau):
Der fehlende Ehrgeiz hat auch politische Gründe. Huang sagt:
Warum streiten wir darüber, ob wir ein bisschen mehr Wind- und Solarstrom oder ein bisschen mehr Kernenergie hinzufügen sollten? Ein Grund ist, dass die Anti-Atom-Gruppen und die Demokratische Fortschrittspartei Kernenergie bewusst gegen die anderen kohlenstoffarmen Stromquellen ausspielen. Seit Jahren behaupten sie, die KMT wolle ausschließlich Kernenergie nutzen. Nach dieser Logik bleibt kein Platz mehr für Wind- und Solarstrom, wenn wir die Kernenergie ausbauen. Das ist ein seltsames Argument. Anti-Atom-Gruppen in Taiwan haben die Vorstellung verbreitet, dass grüne Energie nur Quellen wie Wind und Sonne umfasst. Doch auch Kernenergie ist eine Form grüner Energie.
Tatsächlich ist es ein Scheingegensatz, Kernenergie gegen andere kohlenstoffarme Stromquellen auszuspielen. Frankreich, Schweden und die Schweiz erzeugen mit einer Kombination aus Kernenergie und anderen kohlenstoffarmen Quellen sehr sauberen Strom. Festlandchina und das Vereinigte Königreich bauen Kernenergie und Windkraft gleichzeitig aus. Länder, die allein auf Wind- und Solarstrom setzen, haben dagegen bislang keine umfassende Dekarbonisierung erreicht. Erfolgreiche Länder† nutzen alle entweder große Mengen Wasserkraft oder große Mengen Kernenergie. Jeder vom IPCC aufgezeigte Entwicklungspfad umfasst Kernenergie. Wir brauchen eine sachliche Diskussion über den Strommix, doch Huang Shih-hsiu hält das für schwierig:
Niemand setzt sich ernsthaft mit diesem Problem auseinander und sagt: „Gut, wir wissen, dass es unterschiedliche Meinungen gibt. Aber können wir uns alle verfügbaren Pläne ansehen – einschließlich Kernenergie, Offshore-Windkraft, Solarstrom, einfach aller Optionen? Legen wir die Daten auf den Tisch. Sagt mir nicht, welchen Plan ihr bevorzugt, sondern wie viel Strom jede Option liefern kann und zu welchen Kosten. Dann vergleichen wir.“ So kämen wir zu einem vielfältigen Strommix.
Wenn wir die Coronavirus-Pandemie mit dem Klimawandel vergleichen, entsprechen die Impfstoffe den kohlenstoffarmen Energietechnologien. Auch Impfstoffe wurden in Taiwan zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Angesichts der Dringlichkeit des Problems entschied man sich letztlich jedoch dafür, alle verfügbaren Optionen zu nutzen. Auch der Klimawandel ist ein dringendes Problem. Deshalb können wir keine bestimmte kohlenstoffarme Energiequelle ausschließen. Dazu gehören Kernenergie, Windkraft, Wasserkraft, Solarenergie und auch Geothermie (Geothermische Stromerzeugung in Taiwan vor einem kommerziellen Neustart).
Wenn die Menschen in Taiwan den Klimawandel und die Dekarbonisierung mit demselben Ehrgeiz und derselben Entschlossenheit angehen wie die Pandemie, kann die Republik China meiner Überzeugung nach zu einem Vorreiter für kohlenstoffarme Stromerzeugung werden.
† Rangliste der Länder und Gebiete nach dem Anteil kohlenstoffarmen Stroms, mindestens 90 % kohlenstoffarmer Strom














